Das Vorbereitungsseminar

Vom 17. bis 26. Juli wurden wir zum 10-tägigen Vorbereitungsseminar nach Lauterbach (Thüringen) eingeladen.

Seminar zur Vorbereitung auf unser weltwärts-Jahr in der Dominikanischen Republik

Wo ich anfangs dachte „Was? 10 Tage? Ist das wirklich nötig?“ kann ich nun sagen „Jepp, definitiv“! Neben unglaublich vielen Informationen rund um die Dom blieb noch genug Zeit für Kennenlernspiele und Energizer (dazu später mehr). Das hatte den positiven Effekt, dass ich nach bereits 2 Tagen schon alle 26 Namen meiner Mitfreiwilligen kannte – nur bei der Zuordnung haperte es. Die Jungs wurden im Zweifelsfall immer mit Tim angesprochen, denn davon hatten wir drei. Mittlerweile kann ich die Tims aber von den anderen Jungs trennen. Und sogar voneinander unterscheiden.


Vor, nach und zwischen den Präsentationen gab es einen weiteren wichtigen Programmpunkt: Essen. Und davon nicht zu wenig. Ich musste nach kurzer Zeit feststellen, dass man sich, wenn man bereits um 8 Uhr frühstückt, erschreckend schnell an ein ebenso frühes Mittagessen gewöhnt. Und an Kaffee & Kuchen um vier. Und an Abendessen um sechs. Mein Magen gewöhnte sich sogar so sehr daran, dass er mir durch verlässliches Grummeln täglich signalisierte, wann die letzte Viertelstunde vor der Pause angebrochen war. Und die zog sich dann meist brutal in die Länge.

Um 12 Uhr stürmten alle zum Mittagsbuffet. Dass wir eine sehr hungrige Gruppe waren, merkte auch das Küchenpersonal nach kürzester Zeit. Wo wir anfangs unsere Rationen noch selbst portionieren konnten (manche nahmen 2 Thüringer Klöße, manche 5), mussten wir an Tag 3 feststellen, dass die Ausgabe des „Warmanteils“ nun überwacht wurde. Das heißt, es gab fortan kein Buffet mit Selbstbedienung mehr, sondern eine Art Bestellprozess an der Küchentheke. Geleitet und überwacht wurde dieser Prozess von der äußerst charmanten Küchenfrau. Diese achtete peinlich genau darauf, dass jeder dieselbe Ration bekam – ungeachtet seiner Körpergröße und –form.

Die Küchendamen der Jugendherberge Lauterbach treffen die letzten Vorbereitungen zur Essensausgabe


Irgendwann fiel der aufmerksamen Dame dann auf, dass das vegetarische Menü immer am schnellsten verputzt war und sich – offensichtlich – einer enormen Beliebtheit erfreute… Und das, obwohl es für nur 6 von 27 Leuten vorbestellt war. Das zog natürlich tiefergehende Investigationen seitens der Küchendame mit sich… Kurze Zeit später wurde daher jeder, der sich für die Gemüse-Option entschied, kritisch beäugt und gefragt, ob er oder sie denn auch Vegetarier/in sei. An sich keine schlechte Idee, wie ich fand. Bis zu dem Moment, als ich an der Reihe war und als 4. Person in Folge das vegetarische Menü bestellte, woraufhin sie mich, sobald die Worte meinen Mund verlassen hatten, völlig entgeistert anblickte und entgegnete:


– „Ist klar, du bist natürlich AUCH Vegetarierin, oder?!“

– „Ja bin ich“, sagte ich,

„Und noch was: Ich bin die, die morgens immer nach vegetarischem Aufstrich fragt, weil DU wieder vergessen hast ihn hinzustellen und eigentlich schon tierisch genervt von mir sein müsstest, aber anscheinend kannst du dir mein Allerwelts-Gesicht mit meinen Allerwelts-Roten-Lockigen-Haaren und meinem Allerwelts-Haarschnitt einfach nicht merken!!“… DACHTE ich.


Von da an verbesserte sich unsere Beziehung stetig. Vermutlich, weil ich meine Gedanken in den entscheidenden Momenten schlichtweg Gedanken sein ließ und für mich behielt, während ich ihr mein freundlichstes Lächeln schenkte. Und mich zusätzlich immer freundlichst für mein vegetarisches Menü bedankte. Dies brachte für manch andere Freiwillige in der Schlange dann jedoch den Nachteil, dass ihnen sofort ein „Bedanken tut sich hier auch kaum Brötchen und Brot zum Frühstück in der Jugendherberge Lauterbacheiner“ anstelle eines „Guten Appetit“ mit auf den Weg gegeben wurde. Tja. Nach kurzer Beschnupperungsphase waren wir dann aber die freundlichste Freiwilligengruppe der Welt, was von der Küchenfrau mit der harten Schale in Form eines großzügigen Warmanteils honoriert wurde. Also alle glücklich letzten Endes. Einmal gab es sogar Rotkohl mit Klößen und veganem Braten, was ich nochmal als mein persönliches Highlight hervorheben möchte! Jugendherberge Lauterbach / Thüringen mit herausragendem vegetarischem Essen und Urwald-Life-Camp, Leute!! Schaut vorbei, lohnt sich!!


Nun aber zurück zu den eigentlichen Seminarinhalten: Innerhalb der 10 Tage lernten wir jede Menge über die Kultur, das Klima (tropisch), die Rollen von Mann und Frau (Achtung: Machismo), die Geschichte (vom Diktator Trujillo, der 20.000 in der DomRep lebende Haitianer brutal ermorden ließ, weil sie aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe seiner Ansicht nach die DomRep „verseuchten“ und zudem das Wort „perejil“ (Petersilie) nicht korrekt aussprechen konnten. Trujillo, der sich außerdem 1938 zur Aufnahme von 100.000 Juden bereit erklärte, die vor Hitlers Herrschaft Zuflucht suchten. Weshalb? Weil er sein Volk „aufhellen“ wollte), die Beziehung zu Haiti (immer noch angespannt), Alltagsrassismus (Hellhäutige werden besser behandelt), die Musik (Reggaeton, Bachata, Merengue), die Religion (größtenteils Katholizismus), die Infrastruktur und natürlich über unsere Einsatzplätze und Partnerorganisationen.

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Bezüglich meines Projektes habe ich zum Beispiel erfahren, dass ich weniger mit dem Thema Wiederaufforstung, als vielmehr mit dem Thema Müll in Berührung kommen werde. Wie vermeide ich ihn? Wie reduziere ich ihn? Wie entsorge ich ihn? Und vielleicht sogar: Wie recycle ich ihn? Dieser Punkt interessiert mich besonders. Die DomRep hat da natürlich ganz andere Möglichkeiten als Deutschland. Darüber muss man sich im Klaren sein. Das heißt, es wäre wenig sinnvoll, den Leuten vor Ort ein Recycling-Konzept aufzuzwängen, das hier in Deutschland zwar super funktioniert, aber der dominikanischen Infrastruktur und dem dominikanischen Klima in keinster Weise gewachsen ist.

Doch nicht nur die Umsetzung könnte zum Problem werden. Es geht vordergründig darum, eine gewisse Begeisterung für das Thema Recycling zu wecken. Und DAS wird un poco complicado, denk ich… aber ich bin ja motiviert!


Was die Stimmung nach längeren Vorträgen immer wieder erhellte und die Lebensgeister in uns reaktivierte, waren sogenannte Energizer. Wie der Name schon sagt, geht es um Energie. Energie, die uns meist fehlte und uns wieder eingehaucht werden musste. Nach anfänglichem Widerstand hat das echt super funktioniert. Und zwar mit Spielen wie „Das kotzende Känguru“, „Komm mit, lauf weg“, „Zublinzeln“,  „Der Boden ist aus Lava“ aka „Mit Getränkekisten über den reißenden Fluss“ und und und… Das Wetter war die meiste Zeit bombastisch, darum fanden die Energizer meist draußen statt. „Reise nach Jerusalem“ klappt aber zum Beispiel auch drinnen gut.

By the way…, warum diese Gruppenspiele mit dem englischen Begriff Energizer bezeichnet wurden, war am Ende auch jedem klar. Es ist zumindest sehr wahrscheinlich, dass diese Vorliebe für Anglizismen auf die nicen Gruppenleiter, genannt Teamer, zurückzuführen ist, von denen vor allem einer immer krasse Moves pullte – verbal und auf dem Dancefloor – und die Lacher damit immer save auf seiner side hatte. (Danke Niko! Es ist echt super hart, sich das wieder abzugewöhnen!!)

Ein Ausschnitt des Vorbereitugsseminars von Ecoselva in Lauterbach (Thüringen)

Ausschnitt des Vorbereitungsseminars von Ecoselva in Lauterbach (Thüringen)

Aber hey, wir haben tatsächlich auch Spanisch gelernt, vor allem dominikanisches Spanisch. Dies wird zur Folge haben, dass uns nach einem Jahr DomRep vermutlich selbst spanische Muttersprachler aus Madrid nicht mehr zuordnen können, weil die Dominikaner Meister im Silben-Verschlucken und Abkürzen sind. Ganz ehrlich, ich freu mich schon drauf. Hat was und ist viel individueller als so hochgestochene Standardsprache. Dafür werd ich schließlich im Deutschen schon oft genug von meinen bayrisch-schwäbischen Freunden gemobbt. Und wenn man dann noch die nicen Anglizismen vergisst… braucht man direkt ‘nen paar Tage mehr um den versemmelten 1. Eindruck wieder gut zu machen. Hach ja… Gut, dass das Vorbereitungsseminar 10 Tage gedauert hat!


Letzten Endes muss ich sagen, dass wir im waldigen Lauterbach trotz (oder vielleicht gerade aufgrund) des unterirdisch schlechten Internetempfangs ne verdammt gute Zeit hatten: Das Wetter wurde zwar schlechter, die Beziehung zur Küchenfrau jedoch kontinuierlich besser. Beim „Waldspaziergang zu zweit‘“ wurden zwar Todesängste durchlebt und man wappnete sich mit Steinen und Stöcken für den in jenem Moment unausweichlich erscheinenden und aller Wahrscheinlichkeit nach kurz bevorstehenden Kampf Mensch gegen Wildschwein, ABER eben diesen Adrenalinkicks haben wir es zu verdanken, dass unser Vertrauen ineinander enorm gestärkt wurde und wir alle ein Stück weiter zusammen gewachsen sind (zumindest in den meisten Fällen).

 Gut gefüllt mit Infos, Euphorie und einem omnipräsenten „Wir haben uns alle lieb“-Gefühl sind wir nun startklar für ein Jahr voller neuer Entdeckungen, Herausforderungen und Abenteuer.

Noch 23 Tage… 🙂

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