Llegué. Angekommen.

Gestern Nachmittag war es dann plötzlich so weit. Adiós zu den anderen Freiwilligen, adiós zu unserer Mentorin Nikaulis und Villa Matata, hola zum nächsten Abenteuer: Leben in einer Gastfamilie. Meiner Gastfamilie.

OK, ich muss die Chronologie spontan unterbrechen. Grund dafür ist , dass ich mich gerade Null konzentrieren kann. Das Spektakel, das eine Straße weiter stattfindet, hat bestimmt eine tiefgreifende Bedeutung, die ich nicht verstehe, aber für mich hört es sich so an, als würde eine öffentliche Teufelsaustreibung stattfinden. Vielleicht war genau das der ursprüngliche Plan – der gescheitert ist.


Ernsthaft. In diesem Moment klingt es so, als wäre der Teufel schon längst entfesselt. Die unmenschlichen Laute kommen aus einem wuchtigen, fahrbaren Mobil, einer Art Bus, der  wenige Meter von mir hält. Würde sowas in meinem Dorf stattfinden, wäre wahrscheinlich noch vor Installation des Mikros das Ordnungsamt angerückt.

Hier scheint das anders zu sein.

Ich hab keine Ahnung, was da vor sich geht – ich schreckhafte, fremde Alemana. „Haleluja“ verstehe ich, jetzt übernimmt eine Frau das Mikro, sie singt sogar. Und das nicht schlecht. Viel besser als das Gekreische eben. Vielleicht war es wirklich der Teufel oder irgendein Dämon aus der Unterwelt, dessen erfolgreiche Vertreibung sie nun besingen.


Quién sabe. Wer weiß.Auf dem Weg nach Jarabacoa

OK, jetzt bin ich wieder entspannt. Zurück zur Chronologie. Also, gestern Nachmittag wurden wir von unserem Arbeitgeber abgeholt und zu unserer Gastfamilie gebracht. Etliche Autos, darunter viele Pick-Ups, fuhren vor und sammelten Freiwillige ein, um dann in die verschiedensten Richtungen auszuschwärmen: Santiago, La Descubierta, Las Terrenas, Jarabacoa. Letzteres ist meine neue Heimat: Nördlich von unserem Seminarort, Santo Domingo, ziemlich in der Mitte des Landes. Und ziemlich hoch gelegen.


Tim, Malte, Vanessa und ich quetschen uns auf die Rückbank des Pick-Ups von Plan Yaque – meinem zukünftigen Arbeitgeber. William, mein Tutor, sitzt am Steuer. Daneben Eliza, Maltes Tutorin, die in Jarabacoa Spanisch unterrichtet. Cuántos horas a Jarabacoa? fragt einer von uns in gebrochenem Spanisch. Wie lange wir fahren würden. Normalmente 1h 30, pero con William solo una. Normalerweise 1:30h, aber mit William am Steuer schaffen wir’s in einer Stunde.

Oookay.

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Die Fahrt ist leicht ruckelig.

Unser Gepäck befindet sich auf der Ladefläche des Pick-Up. Ungesichert. Das ist ganz normal so. Auf der Straße fährt hier generell jeder, wie er will. Mal überholt man von rechts, mal von links, mal hupt man einen Mofafahrer von der Spur, weil er den Überholvorgang behindert, mal hupt man aber auch einfach nur, um auf sich aufmerksam zu machen oder Fußgänger zu verwarnen, die mir-nichts-dir-nichts die Schnellstraße kreuzen. Vorher nach links oder rechts gucken? Überbewertet.


Nach ca. einer halben Stunde spüre ich meine Hüfte nicht mehr. Es ist ein Pick-Up-Truck, ja, aber die Rückbank ist für 3, nicht 4 Leute gemacht. Dennoch passt es irgendwie. Gedanklich beim kohlenhydratreichen Essen, das uns erwartet, spricht Vanessa dann endlich aus, was uns allen in diesem kuscheligen Moment schmerzlich bewusst wird:  „Leute, in einem Jahr passen wir hier garantiert nicht mehr rein.“

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Egal. William gibt ordentlich Gas, also wird’s nicht mehr lange dauern. Was positiv hervorzuheben ist, ist die Klimaanlage in Kombi mit den abgedunkelten Scheiben und der gute-Laune-Musik. Eingequetschte Gliedmaßen hin oder her, Kopf und Hände können wir alle noch bewegen, als William die música aufdreht und Eliza beginnt, lauthals mitzusingen.

Rechts und links ist alles grün: Felder, Wälder, Reisplantagen und kleine Holzhütten, die bunte Teppiche verkaufen. Dann geht’s auf einmal steil bergauf. Unsere Überraschung äußern wir mit einem lauten –


[…]


Er ist zurück. Der Frontmann von Slipknot ist wieder am Mikro. Adiós concentración. Boah, ernsthaft, geht das jetzt jeden Samstag so? Vielleicht ist das auch einfach ein Konzert und ich verpasse gerade das mega Happening? Natürlich!! Ich Doofi. Lautes, grölendes Geschrei, ein jubelndes Publikum und irgendwas mit „Haleluja“ – das MUSS ein Konzert sein! Nich von Slipknot, sondern von Lordi! „Hard rock haleluja“! Endlich ist das Rätsel gelöst. Wusste gar nicht, dass die noch auf dem Markt sind, geschweige denn auf Tournee… Naja, man lernt nie aus.


– „Woooooahhhh“. Das war unsere Reaktion auf den krassen, unerwarteten Anstieg, der uns tief in die Rückbank drückt. Wer braucht schon Serpentinen, wenn man 45° steile Straßen bauen kann?

Als erstes lassen wir Malte bei seiner Gastfamilie raus. Dann zeigt uns William noch schnell das Bürogebäude von Plan Yaque, bevor er auch Tim absetzt und mich zwei Straßen weiter bringt. Und da ist sie, meine neue Familia.

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Amarilis, meine Gastmutti, ist so, wie ich sie mir vorgestellt habe: Super taff. Ein bisschen einschüchternd fast. Aber dennoch sehr herzlich. Das erste, was sie mit breitem Grinsen zu mir sagt ist Hola Sandra, ay que bonita eres! Hallo Sandra, oh, wie hübsch du bist! Ich bin natürlich direkt verlegen, aber schaffe es so eben noch, ein Muchas gracias herauszubringen. Außerdem lerne ich ihren Mann, ihre Tochter, ihren Sohn und ihre zwei kleinen Hunde kennen. Einer davon heißt Lassie und sieht aus wie ein kleiner Fuchs. Er fühlt sich offensichtlich stark zu mir hingezogen – was wohl daran liegen muss, dass wir die gleiche Haarfarbe haben – also nehm ich das kleine hektische Fellbündel mal auf den Arm… woraufhin es mir direkt quer über die Wange schleckt. Muchas gracias.


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Mein Vokabular ist leider noch nicht gut genug, daher versuche ich, meiner Familia mein dankbarstes und zufriedenstes Lächeln zu schenken um sie auf diese Weise wissen zu lassen, dass ich mich hier sehr wohl fühle und mich freue, ein Teil der Familia zu sein.

 

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