Heiß & verpeilt – Teil 2

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Ach ja. Die Straßenhundegang, in dessen Gebiet ich eingedrungen war und die mich nun fressen will. Fast vergessen. Ich entscheide, das Stupsen gegen mein Bein zu ignorieren. Und auch die tapsenden Schritte hinter mir.

Alles cool. Alles cool. Mann, ich bin diesen Berg echt verdammt weit runter gelaufen. Der Weg nach oben scheint nun umso länger. Wenig später bin ich dann jedoch da: An einem Stück, mit hochroter Birne. Physisch und psychisch nahe am Limit und leicht dehydriert. Und der Tag beginnt erst.


IMG_05092017_125534Auf der Arbeit ist es zwar warm, aber es gibt einen Ventilator und überdurchschnittlich tolle Kollegen. Die Kollegin von nebenan bringt zuerst Papaya vorbei (die hier unglaublich gut schmeckt) und dann, nach der Mittagspause, gibt es auch noch Kokoseis, selbstgemacht. Einfach nur göttlich. Mein Körper ist dankbar und kühlt in den folgenden 10 Minuten sogar ein paar Grad runter. Unmittelbar danach fallen Vanessa (meine liebe Mitfreiwillige) und ich zwar ins Fresskoma, aber das war es wert.

Wenn man sich amüsiert, vergeht die Zeit ja bekanntlich schneller als normal, sodass wir auf einmal 17:30 Uhr haben. Ich zieh mich noch eben um und quetsch mich in meine Yoga-Leggings, die ich – vorausschauend wie ich bin – extra eingepackt habe heute Morgen. Ebenso Sportschuhe und Tanktop. Nach einem so schweisstreibenden Tag habe ich mir nun wirklich etwas Entspannung verdient und ich freue mich auf den anstehenden Besuch des Fitnessstudios.


Dumm nur, dass ich mich nicht für den Yoga-, sondern für den Zumba-Kurs angemeldet habe.


Mein Körper schwenkt derweil hektisch die weiße Fahne. Mein Kopf ist schon längst im Stand-By und kriegt nicht mehr viel mit.

Meine Gastmutti wollte mich nach der Arbeit abholen, weil sie im selben Zumba-Kurs ist. Ich sitze also auf der Treppe und warte. Und warte. Was meine Augen zu finden hoffen, ist ein weißer Pickup-Truck. Mit dem sind wir neulich auch gefahren. Hm. Nichts.  Dann hör ich ein Hupen. Eigentlich kein außergewöhnliches Geräusch hier, v.a. als weiße „Gringa“ gewöhnt man sich schnell daran. Aber DIESES Hupen kam tatsächlich von Amarilis.


Ich springe auf und gehe ihr entgegen. Doch etwas ist anders. Da ist Amarilis, ja. Aber da ist kein Nissan. Da ist auch kein Pickup und da ist auch kein Auto! Sondern ein kleiner Motorroller. Dios mio. Jetzt ist es also so weit. Jetzt komm ich nicht mehr drum rum.


Motoconcho - Das öffentliche Verkehrsmittel in der DomRep


Kurzer Einwurf dazu: Das gängigste öffentliche Verkehrsmittel auf der Dom ist das Motoconcho – das Motorrollertaxi. Preise werden stets ausgehandelt. Anschnallgurte oder Helme gibt es nicht.


Wenn man gute Erfahrungen macht, lässt man sich die Nummer des Motoconcho-Fahrers geben und kann diesen dann z.B. Samstagnachts anrufen, wenn man von der Party  nach Hause gebracht werden möchte.

Mich erinnert das Ganze irgendwie an den Film Avatar. Mit den Motoconcho-Fahrern als Repräsentanten dieser drachenähnlichen Wesen, mit denen man früher oder später eine Bindung eingehen muss. Ob man zueinander passt und einander vertrauen kann, weiß man nicht. Erst, wenn man ein gewisses Anfangsrisiko in Kauf nimmt und sich gemeinsam von der Klippe stürzt. Gut, das trifft es vielleicht nicht zu 100%… Fallenlassen muss man sich dennoch in gewisser Weise. https://i.ytimg.com/vi/k09fqZOIZKM/maxresdefault.jpgEs sei denn, man ist gut zu Fuß.

Übersteht man die erste gemeinsame Fahrt geistig und körperlich unbeschadet, so stehen die Chancen gut, den Motoconcho-Fahrer seines Vertrauens gefunden zu haben. Oder Toruk Makto. Für die Avatar-Fans unter uns.


Der Unterschied zu meiner Situation ist jedoch, dass ich nicht irgendeinen Unbekannten, sondern Amarilis vor mir stehen habe. Ha. Das beruhigt. Theoretisch. Praktisch hingegen ist der Adrenalinproduktionsprozess nicht mehr zu stoppen.


‘Cause I gotta have faith-a faith-a faith, I gotta have faiiith…‘


Während mein Kopf sich offensichtlich mit alten George Michael Klassikern zu beruhigen versucht, bin ich schon längst aufgestiegen. Wohin jetzt mit den Füßen? Und Händen? Eine landet direkt, in einer leicht panisch anmutenden Geschwindigkeit, auf Amarilis‘ Schulter. Sie sagt daraufhin was, das ich nicht verstehe, und lacht.  Die andere Hand greift nach hinten. Dort finde ich eine Art Vorrichtung zum Festhalten. Perfekt. Naja, sagen wir nützlich, sehr nützlich.

Los geht’s. Die dominikanischen Straßen gleichen einer Fahrt mit der Holzachterbahn. Rattatatatatatatat. Berg hoch und rauschend und rüttelnd Berg runter durch kleine, große, flache und weniger flache Schlaglöcher. Die großen und die tiefen, aber v.a. die großen tiefen bereiten mir anfangs etwas Schnappatmung. Meine Gastmutti fährt sie zum GlückIMG_17092017_160639 ganz langsam und routiniert an. Zwischendurch redet sie glaub ich wieder mit mir, ich sag einfach mal Sí, sí – sie lacht. Wahrscheinlich habe ich gerade irgendeine brisante Vermutung von ihr bejaht, aber damit kann ich leben.

Am Parque angekommen, werde ich mit einem freundlichen „Sandra, wir sind da. Du kannst jetzt absteigen“ aus meiner Trance gerissen. Vor dem Kursraum stehen schon ein paar Frauen – größtenteils Dominikanerinnen würde ich tippen. Sicher weiß ich das jedoch nicht.


Als Vanessa dazustößt denkt sie sich bei meinem Anblick wahrscheinlich, dass sie irgendwas missverstanden hat und der Zumba-Kurs bereits stattgefunden hat – so wie ich aussehe. Stattdessen beklagt sie sich selber über die Hitze und meint, sie sei jetzt schon fix und fertig. Das klingt vertraut.

Hoffnungsvoll, vielleicht etwas unbeholfen, neugierig und verschwitzt, tappsen wir in den Kursraum. Amarilis beobachtet uns aus dem Augenwinkel und grinst. Dann schmeißt die Trainerin auch schon die Boxen an und bunte Latinorhythmen durchfluten den Raum.

Und Vanessa und ich? Fangen Feuer. Ein letztes Mal für heute.

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