Papier des Bades

Es wird mal wieder Zeit für ein kleines Kulturschockerlebnis. Der Bericht darüber ist eigentlich schon längst überfällig, denn mit der Thematik – Schrägstrich Problematik –  wurde ich bereits unmittelbar nach meiner Anreise konfrontiert; und zwar in genau dem Moment, als ich Fuß auf dominikanischen Boden setzte und die sanitären Anlagen aufsuchte.

Papel del bano - Klopapier in der DomRep

Also schon eineinhalb Monate her.Und dennoch: Dieser Artikel ist wichtig! Denn er dreht sich um einen fundamentalen Unterschied in der Bezeichnung und im Gebrauch eines für den Menschen unverzichtbaren Alltagsgegenstandes: Klopapier. Oder papel de baño. Papier des Bades.


Wenn man papel de baño das erste Mal hört, so würde ich behaupten, gibt es da erstmal nichts, woran man sich stören könnte.  Jedem ist klar, was gemeint ist: Das Papier, das man nun mal im Bad benutzt. Zu Deutsch Klopapier und hier, in der Dominikanischen Republik, eben Badpapier. Das kommt schon hin.

Den Ziehharmonika-Verbindungstunnel vom Flieger zum Flughafengebäude hastig hinter mir gelassen, finde ich mich in einer Kabine des Damenklos wieder. Endlich. Erstmal durchatmen. Oder… vielleicht besser nicht. Erstmal umgucken.


Hm, sieht auf den ersten Blick erstmal alles vertraut aus. Vor mir hängt, wie so oft in Deutschland auch, der übliche Aufklärungs-Ermahnungs-Hinweis: Bitte nicht ins Klo werfen: Damenhygieneartikel… Tampons, – kleine Handtaschenhunde, Extensions, Mobiltelefone, ich spinne die Liste endlos weiter… – Papier…, Binden… bli bla blub. Alles schon gehört, alles schon gelesen (und dennoch fast alles schon einmal dort schwimmen sehen), nichts davon je selber verschuldet. Obwohl, es gab da mal einen Zwischenfall mit meinem Handy, aber das ist eine andere Geschichte.

Papel del bano - Hygiene auf der DomRep

Als ich schon halb aus der Tür bin, dreh ich mich nochmal um. Mein Blick schwankt von rechts nach links und wieder zurück: Toilette, Mülleimer, Toilette. Dazwischen das Geräusch der schwächelnden, plätschernden Spülung. Binden, Tampons, Papier… Moment, PAPIER?! Mein Blick fällt auf den Mülleimer, der links neben dem Klo steht: Voll mit Papier. Das muss ja jetzt erstmal nichts heißen, gibt’s in Deutschland auch. Aber verdammt, steht das wirklich auf dem Zettel an der Tür?


Tatsache. Eben nochmal nachgelesen. Krass.


Erstmal bei den anderen Mädels erkundigt, ob sie dieselbe Erkenntnis hatten. Jepp. Und ob sie diese Erkenntnis früh genug hatten, oder erst, als sie schon aus der Kabine raus waren… während das Papier bereits munter gen Kanalisation wanderte. Jepp, so war’s. Okay, gut, immerhin bin ich nicht die einzige die’s verbockt hat.

Ich frage mich, ob die Chance besteht, dass das vielleicht nur so ein Flughafending ist.


Nein, ist es nicht. Als wir unsere Seminarunterkunft erreichen und die Keramikabteilung das erste Mal unter die Lupe nehmen, bietet sich uns dasselbe Bild. Klo und Mülleimer. Ein einziger. Offen. Pluspunkt: Fenster. Zu dem Zeitpunkt haben wir keine Ahnung, dass das Klopapierentsorgungsverfahren nicht das einzige Highlight des Raumes ist. Es gibt da ja noch die Dusche

can-310883_1280Am nächsten Seminartag bestätigt unsere Seminarleiterin – die selbst Dominikanerin ist – unsere Theorie: Klopapier gehört nicht ins Klo. Niemals. No se hace. Das macht man nicht. Außerdem könne es sein, dass wir das Klopapier in den Gastfamilien selbst organisieren, und somit auch bezahlen müssen. Erfahrungsgemäß würden die Deutschen immer einen deutlich höheren Verbrauch als die Dominikaner aufweisen… Das wirft weitere Fragen auf.

Wie dem auch sei – tatsächlich war dies eine der ersten Angelegenheiten, um die meine Gastmutter mich höflich gebeten hat: Mir selber Klopapier zu besorgen.Erst kürzlich habe ich nochmal tiefergehend über den besonderen Klopapiersachverhalt hierzulande sinniert. So, wie es sich für eine ordentliche Bachelorandin der Angewandten Sprachwissenschaften gehört.


Das Klopapier. [ˈkloːpapiːɐ̯] Deutsch. Neutrum. Kompositum aus Klo und Papier.


Damit dieses Kompositum, sprich, das aus der Zusammenfügung zweier Sinneinheiten neu entstandene Wort, nun auch als Ganzes Sinn ergibt, müssen dessen Bestandteile zusammen passen. Logisch, oder? Heißt, die Wörter, die zuvor einzeln Sinn gemacht haben, müssen nun gemeinsam Sinn ergeben, und zwar einen neuen, offensichtlichen.Linguistik Nerd Auf und nach Dom Klopapier

Wie z.B. das Fußballfeld: Ein Feld, auf dem man Fußball spielt. Oder Handyhülle: Eine Hülle für das Handy. Oder Wörterbuch: Ein Buch mit Wörtern… Welche Wörter es nun sind, die man gedanklich noch hinzufügen muss, damit das Kompositum Sinn ergibt – Verb, Präposition, etc. – muss offensichtlich sein. Ich glaube, häufig beschreiben Komposita eine „Um (zu)“-Beziehung. Und zwar in der Form, dass die letzte Sinneinheit benötigt wird, um eine bestimmte Aktion mit ersterer vorzunehmen. Beispiele wie oben: Ein Feld, um darauf Fußball zu spielen. Eine Hülle, um das Handy zu schützen. Ein Buch, um Wörter darin nachzuschlagen.


Somit wäre Klopapier also Papier, das dazu da ist, um…

  • es auf dem Klo zu benutzen UND
  • es auf dem Klo zu entsorgen

Im deutschen Kulturkreis wären das wohl die beiden naheliegendsten Schlussfolgerungen. Auf „benutzen“ oder „entsorgen“ zu kommen, ist jedoch etwas, das uns gewissermaßen anerzogen wurde und für uns aus dem Kontext heraus Sinn macht. Genauso, wie es für uns Sinn macht, das Feld zu nutzen, um Fußball darauf zu spielen – und nicht etwa um Fußbälle darauf zu entsorgen…  aber um eben genau das zu wissen, braucht es erstmal Erfahrungswerte.

Erfahrungswerte, von denen ich dachte, dass ich sie in Bezug auf so einen alltäglichen Gebrauchsgegenstand wie Klopapier hätte…

Mir ist da allerdings rückblickend ein grober Schnitzer unterlaufen. Und zwar in dem Moment, als ich papel de baño gleichgesetzt habe mit Klopapier und den Begriff direkt bildlich vor Augen hatte – samt seiner für mich üblichen Verwendung und Entsorgung. Nicht gut. No se hace.


Wörterbuch Linguistik Klopapier


Hätte ich mir nämlich stattdessen das Wortgefüge mal genauer angeguckt – und zwar tatsächlich Wort für Wort – wäre mir aufgefallen, dass Klopapier hier gar nicht Klopapier, sondern, Badpapier heißt. Das ändert natürlich alles.

Während Klopapier einen eindeutigen Bezug zur Toilette aufweist, ist Badpapier als Bezeichnung für den vermeintlich selben Gegenstand wesentlich diffuser. Was macht man mit diesem Papier im dominikanischen Bad? Fenster putzen? Kreuzworträtsel? Strichliste? Man weiß es nicht!

Jedenfalls schmeißt man es nicht ins Klo.

Sondern daneben.

In den Eimer.

Punto.

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