Eingenässt

Ich bin mal wieder spät dran. 7:22 Uhr. Um halb fährt mein Gastvater zur Arbeit – und somit auch ich. Theoretisch. Praktisch bin ich aber der langsamste Esser dieses Planeten und hinke daher etwas hinterher.

Mein Frühstück ist mal wieder extra vegetarisch und schmeckt vorzüglich. Zumindest glaube ich das, denn allzu viel schmecke ich davon nicht –  vielmehr konzentriere ich mich darauf, meinen Kau-Schluck-Prozess zu optimieren und so effizient wie möglich zu gestalten.


Meine Gast-Mum präpariert derweil meine Tupper-Dosen und füllt mein Mittagessen ab. Diesmal meint sie es außergewöhnlich gut mit mir: Statt der gewohnten zwei Dosen kriege ich vier. Keine Ahnung, was da alles drin sein soll, aber es sieht schwer nach einem 4-Gänge-Menü aus.IMG_12102017_074328

Eigentlich würde ich ja gern reingucken, aber dazu hab ich keine Zeit. Stattdessen werfe ich einen nervösen Blick rüber zu meinem Gastvater, der es irgendwie geschafft hat, seinen Teller und sein halbes Glas Saft zu leeren. Und das obwohl er sich erst nach mir an den Tisch gesetzt hat…  Mein eigener Teller ist noch nicht leer, aber fast. Die Yuca ist schnell verputzt, jetzt nur noch der Saft. Diesmal ist er aus Ananas, Zitronen, ein paar Geheimzutaten und einer guten Portion Zucker, wie ich vermute, aber insgeheim hoffe ich immernoch, dass ich die Süße der übertrieben reifen Ananas zu verdanken habe.


Mein Gast-Dad steht auf. Verdammt, Sandra, warum kannst du das Träumen nicht wie jeder andere halbwegs gescheite Mensch auf Nachts verlegen? Warum müssen es immer Tagträume sein? Und warum bist du abends nie wirklich müde? Eben: Weil du tagsüber schon schläfst – mit offenen Augen. Und mit ausgeschalteter Multitasking-Fähigkeit. Das heißt im Klartext: Am Frühstückstisch sitzen + gleichzeitige Nahrungsaufnahme = Doof.

Jetzt stellt er sein Glas ins Spülbecken, verabschiedet sich von meiner Gast-Mutti und greift zum Schlüssel. Mein Glas ist noch immer halb voll (wie immer eigentlich, ich bin ja Optimist, ha!), aber ich schaffe es rechtzeitig und stopfe hastig die 5 Kilo an Tupperdosen in meinen Rucksack. Gracias y hasta luegooooo! Rufe ich meiner Madre Dominicana zu und ab geht’s.


Auf dem Weg nach unten haut’s mich fast hin weil sich Lina und Lassie – wie eigentlich jeden Morgen – wieder mal als wandelnde, kläffende Stolpersteine positioniert haben und darauf bestehen, mich bis zum Fuß der Treppe zu begleiten. Im Auto angekommen wird nicht viel geredet. Ich vermute, mein Gast-Dad ist ein Morgenmuffel, genau wie ich. Das stört mich allerdings nicht im Geringsten, sondern passt mir perfekt. Ich gucke aus dem Fenster und begebe mich wieder in jene Tagträume, die ich vor wenigen Minuten aufgrund des Ananas-Zitronen-Safts verlassen musste.

Ehe ich mich versehe, haben wir die Kreuzung erreicht, an der ich nach rechts gehe und er nach links weiterfährt. Kurze Verabschiedung und weiter geht’s Richtung Plan Yaque. Mein Rucksack ist ganz schön schwer, aber es sind ja nur ein paar Meter. Irgendwas ist komisch. Nach knappen zwei Monaten Dominikanische Republik sind mir die klimatischen Unterschiede zu Deutschland mittlerweile bewusst. Hier ist es einfach heißer. Und trotzdem geht man mit langer Hose zur Arbeit, weil es sich so gehört. Man gewöhnt sich dran.


Aber morgens ist es eigentlich immer angenehm frisch. Die Luft ist klar und man hat (noch) nicht das Gefühl, mit jedem Schritt einen imaginären schwül-heißen Vorhang wegschieben zu müssen. Im Gegenteil: Das Klima ist morgens dermaßen angenehm, dass man sogar als grummliges Morgenmuffel leichtfüßig und beinah schwerelos über den Asphalt schwebt.

IMG_01092017_182005Warum zur Hölle ist mein T-Shirt dann hinten nass? Bzw. ist es nass? Oder ist das nur eine Halluzination? Auf dem Parkplatz vorm Büro setze ich meinen Rucksack ab und gucke nach. Das heißt konkret, ich wirbel ungalant mit Kopf und Armen zuerst nach links hinten und dann nach rechts hinten, weil das feucht-nasse Gefühl natürlich exakt von der unteren Mitte meines Rückens ausgeht und ich mich nicht entscheiden kann, von welcher Seite diese Stelle am besten zu erreichen ist. Ich muss unmittelbar an Lassie denken und frage mich, ob er wohl ähnlich kniffligen Problemsituationen ausgesetzt ist, wenn er beschließt, seinen Schwanz zu jagen.


Aha! Ein großer nasser Fleck. Toll, ich hab es also geschafft, innerhalb von 2 Monaten komplett das Gefühl für meinen Körper zu verlieren. Warum? Weil ich bis zu diesem Moment immer noch das Gefühl habe, heute noch überhaupt gar nicht geschwitzt zu haben. Und das kann ja offensichtlich nicht sein. Ich setze meinen Rucksack lieber schnell wieder auf, dann sieht man den Fleck wenigstens nicht.


Mmh, irgendwie riechts hier nach Orange. Und Essig. Moment… Essig?


Erst jetzt bemerke ich, dass auch auf meinem Rucksack ein riesiger feuchter Fleck ist. What? Wie kann man denn so stark schwitzen, bitte?! Das ist eine Frage, die ich mir tatsächlich NICHT gestellt habe – Tagträume hin oder her. Es handelt sich also offensichtlich um Salatdressing. Jetzt muss ich nur noch rausfinden, in welcher der 37203743187699 Boxen sich selbiges befindet.

Natürlich in der mit dem Riss im Deckel…. Ja… Das erscheint ebenso logisch, wie es unlogisch ist, aber gut. Immerhin hab ich die Quelle des mysteriösen Orangen-Essig-Duftes nun gefunden und damit auch die Gewissheit, nicht vollkommen bescheuert zu sein, sondern meinen Körper (noch?) unter Kontrolle zu haben. Yay! Was allerdings nichts daran ändert, dass ich nun für den Rest des Tages nach Essig-Orange duften werde.. Yaay…


IMG_12102017_112422…On the plus side: Das Essen ist wahrlich ein 4-Gänge-Menü und lässt mich alles andere vergessen.


P.S.: Der aufmerksame Leser hat gemerkt, dass der gewollt irritierende Titel rein gar nichts mit dem Titelbild zu tun hat. Dieses ist letztes Wochenende auf dem Rückweg von Las Terrenas entstanden. Davor haben wir ein sonnig-heißes Wochenende in Regenwald- und Strandgegend verbracht, von dem nochmal separat berichtet werden muss. 🙂

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