Workshop in den Bergen

Gestern und heute wurde ich von meinen Kollegen wieder mit aufs Campo genommen. Wo ich anfangs dachte, Campo hieße Feld, weiß ich heute, dass Campo im Prinzip alles heißen kann – außer Stadt.

Bezogen auf heute würde ich Campo mit „grüne Berglandschaft“ übersetzen. Und es war sogar echt frisch da oben. So frisch, dass ich meine Notfallregenjacke aus den Tiefen meines Rucksacks gekramt habe, obwohl es nicht geregnet hat! Viele Dominikaner erschienen hingegen im Wintermantel…


IMG_09112017_151823Was war das nun also für ein Workshop? Der Titel war Manejo integrado de plagas en fincas agroforestales – Ganzheitlicher Umgang mit Plagen auf land- und forstwirtschaftlichen Höfen. Ein Thema, von dem ich bisher überhaupt keine Ahnung hatte. Schon gar nicht auf Spanisch. Aber deshalb bin ich ja hier.

Der erste Workshop fand gestern in Manabao statt in einem gut versteckten Restaurant. Es lag unauffällig in einer Kurve und war mit unzähligen Walen aus Holz dekoriert: Etliche geschnitzte, ziemlich naturgetreue Werke hingen an der  Wand, manche auch von der Decke, angemalt in strahlenden Blau- und Grüntönen. Irgendjemand hat da wirklich jede Menge Liebe ins Detail gesteckt.


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Insgesamt sind etwa 20 Leute gekommen. Alle motiviert, die bisherigen Methoden der Schädlingsbekämpfung auf ihren Anlagen zu überdenken. Der Redner ist, wie ich in einem späteren Gespräch erfahre, einer von 9 Geschwistern und auf einer Kaffeeplantage groß geworden. Der Kaffee war die einzige Einnahmequelle der Familie, erzählt er. Deshalb weiß er so viel darüber.

Er hat mehrere universitäre Abschlüsse von verschiedenen Universitäten, u.a. war er in Spanien, Kanada und Israel. Außerdem hat er, wenn ich es richtig verstanden habe, längere Zeit als Professor gearbeitet. Das kann ich mir zumindest sehr gut vorstellen.  Er tritt unfassbar souverän auf und versteht es, sich durch laute Zurufe aus dem Publikum und Zwischenfragen nicht aus dem Konzept bringen zu lassen.IMG_09112017_125257

Er stellt z.B. mehrere Arten von Trapas (Fallen) vor. Manche der Landwirte fragen, was genau Falle X denn nun besser macht als das Gift, das sie bisher verwendet haben. Als sie dann erfahren, dass besagte Trapa die nervtötenden Viecher noch nicht einmal tötet, sondern sie lediglich zwischenlagert, sind sie entsetzt. José, unser Redner, bleibt derweil ganz ruhig und erklärt, warum eine Lebendfalle im Einzelfall erfolgversprechender sein kann, als hochgiftige Köder auszulegen oder alles mit Pestiziden vollzuspritzen.


Das Publikum scheint einsichtig und stellt viele Fragen.


Dann erscheint eine Folie, die zeigt, wie man mit einfachen Hausmitteln lästige Insekten bekämpfen kann. Darunter eine Flasche des Nationalgetränks: Presidente Bier. Das sorgt für reichlich Erheiterung und Zwischenrufe. „Wie viel muss ich denn genau davon trinken, damit die Insekten wegbleiben?“ „Ab wann wirkt das dann?“ „Wirkt es besser, wenn ich in Gesellschaft trinke?“ …Herrlich! ♥

Um das Rätsel zu lösen: Man schneidet eine Plastikflasche auf, schüttet ein wenig Bier hinein und setzt das abgeschnittene, obere Stück der Flasche umgekehrt wieder drauf. Ohne Deckel versteht sich. Angeblich krabbeln die Viechlein dann rein, betrinken sich und kommen später nicht mehr raus. Klingt plausibel.

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Außerdem lernen wir viel über Mischkulturen. Zum Beispiel, dass Mais gut zu Bohnen passt. Denn die Plagen, von denen leider immer viele Bohnen betroffen sind, springen nicht auf Mais über. D.h., im Falle einer Bohnenplage wäre nicht direkt die komplette Ernte verloren, sondern man könnte zumindest noch den Mais verarbeiten und verkaufen. Es werden noch viele weitere Kombinationsmöglichkeiten genannt – mit Gemüsesorten, die ich nicht kenne oder schlichtweg akustisch nicht verstehe, aber immerhin die eigentliche Zielgruppe, nämlich die Landwirte, scheint zu verstehen, worum es geht und macht eifrig Notizen.


IMG_11112017_134054An einem anderen Tag waren wir noch tiefer in der Pampa, in Jumunuco. Hier zählen Pferd und Esel tatsächlich noch zu den gängigsten Verkehrsmitteln – neben dem Motorrad natürlich. Insgesamt sind ca. 30 Landwirte angereist, die bisher größte Gruppe. Fast jeder baut Kaffee an, viele aber auch Kakao und Avocado.

Gerade als José mit seinem Vortrag über Plagen in Form von Nagetieren beginnt, vernehmen wir in unmittelbarer Nähe ein Knistern. Dann huscht ein Schatten über unsere Köpfe hinweg. Es ist tatsächlich eine dicke fette Ratte, die eilig über einen Holzbalken balanciert. Vermutlich dämmert es ihr bereits, dass dieser Ort nach Ablauf des Workshops nicht mehr der sicherste für sie sein wird…

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