Motoconcho

Das Motoconcho. Oder mit anderen Worten: Das oeffentliche Verkehrsmittel schlechthin in der Dominikanischen Republik: Das Motorradtaxi. Man sieht es an jeder Strassenecke, meist mehrere davon. Und wenn nicht? Dann hoert man sie.

In der Dom ist es laut. Sehr laut. Am lautesten in den Gegenden mit intakten, befahrbaren Strassen. Zum einen liegt das an den vielen Motorraedern (TÜV, was ist das?), zum anderen an den Fahrern. Vor allem Motoconcho-Fahrer sind stets bemueht darum, auf sich aufmerksam zu machen. Aber welchem Motoconcho-Fahrer kann man trauen?


Zugegeben, es gibt viele Gruende, eine Fahrt per Motoconcho auszuschlagen und das Pfeiffen und Pssssten der Motoconcho-Fahrer zu ignorieren. Aber irgendwann kommt er: Der Moment, in dem man spaet abends vom Feiern nach Hause will und nicht mehr weg kommt. Der Moment, in dem man zu geizig fuer ein (Auto-)Taxi ist. Der Moment, in dem der linke Flipflop reisst und man von jetzt auf gleich gehbehindert ist. Kurzum: Es kommt der Moment, in dem man ein Motoconcho braucht.

Waehrend ich in diesem Beitrag das Thema Motoconcho schonmal kurz angerissen hatte, soll es nun etwas in die Tiefe gehen.


Die 1. Begegnung


Die erste Kontaktaufnahme erfolgt in 99% der Faelle durch den Motoconcho-Fahrer. Es sei denn du bist super wendig und schleichst dich unauffaellig an ihn an – was deshalb so schwierig ist, weil der Motoconcho-Fahrer staendig Ausschau nach potentieller Kundschaft haelt und dabei rotiert wie ein Leuchtturm.

Jedenfalls ist die Kontaktaufnahme ueberhaupt kein Problem. Das passiert sowiesobegegnung schneller als dir lieb ist. Und wie genau? Sobald der Motoconcho-Fahrer dich erspaeht hat, stoesst er einen spitzen, zischenden Laut aus, der als irritierendes „Psssssst“ in deinem Ohr ankommt, sodass du dich fragst, ob irgendwo Luft austritt (Autoreifen? Gasleitung? Schlauchboot?) und dich erstmal verwirrt umguckst.

Waehrend du dich umguckst, wirst du ihn sehr wahrscheinlich entdecken. Wenn nicht, wird er mit den Armen wedeln, erneut psssssten oder „Motoconcho?!“ rufen. Oh, oder natuerlich „Eh, americana!“ wenn du weiss und weiblich bist. Es ist unmoeglich, einen Motoconcho-Fahrer zu uebersehen. Es sei denn, man will kein Motoconcho (was bei mir lange der Fall war), schuettelt apathisch mit dem Kopf und geht stur geradeaus weiter.


2. Die Sache mit dem Vertrauen


Nun handelt es sich bei dem Motoconcho-Fahrer ja de facto um einen wildfremden Menschen. Du hast keine Ahnung, wie alt er ist, ob er getrunken hat, ob er auf Drogen ist, wie lange er schon den Fuehrerschein hat, ob er einen Fuehrerschein hat… und wie er faehrt. Um dein persoenliches Risiko also so klein wie moeglich zu halten, gibt es ein paar Punkte, die du beachten solltest.warnweste

Zunaechst einmal waere da: Die Warnweste. Einerseits erweckt sie direkt einen serioeseren Eindruck (insbesondere wenn eine Telefonnummer und „Motoconcho“ hinten draufsteht) und andererseits wird man mit Warnweste besser von anderen Verkehrsteilnehmern wahrgenommen – vor allem bei Nacht. Wenn er dann noch einen Helm aufhat, WOW, Jackpot. Aber sowas habe ich zumindest in Jarabacoa noch nie gesehen.

Eine weitere Sache, die ich dir empfehlen wuerde, ist Smalltalk. Nutze die Zeit nach dem Pssssst-Moment, um zu fragen wie es ihm geht, wie er heisst und ob er die Gegend kennt, wo du hin moechtest. Meistens kristallisiert sich waehrend dieser wenigen Worte bereits heraus, ob mit ihm was nicht stimmt (z.B. Alkoholfahne, auffaelliges Lallen, komischer Blick…). Versuch zusaetzlich, einen Blick auf sein Moto zu werfen. Mehr dazu unter Punkt 4. Im Zweifel immer aufs Bauchgefuehl vertrauen und lieber weggehen und weitersuchen oder – falls verfuegbar – ein Taxi nehmen und etwas tiefer in den Geldbeutel greifen.


3. Die Bezahlung


A propos Geldbeutel. Den Preis solltest du unbedingt VOR der Abfahrt aushandeln. Wennkleingeld du eine eher helle Hautfarbe hast, kannst du davon ausgehen, dass der Motoconcho-Fahrer dich als Tour identifiziert und automatisch ein paar Pesos mehr verlangt. Falls du auch ein FSJ machst, so wie ich, erklaer ihm, dass du hier wohnst und kein Tourist bist, sondern fuer sein Land arbeitest – ohne Einkommen („volontario/-a pobre“). Oder dass deine dominikanische Mutti gesagt hast, du darfst nicht mehr als XX Pesos zahlen. Oder sag, du hast kein Geld. Oder dass du die Spritpreise kennst und sein Preis uebertrieben hoch ist. Oder du erweckst Mitleid (sei kreativ). Ooooder du stellst dich einfach stur, wiederholst immer wieder den Preis, den du bereit bist du zahlen und gehst irgendwann einfach. Meistens fahren sie dann hinter dir her und geben nach. Ausnahme: abends. Da ist die Nachfrage nach Motoconchos groesser als das Angebot, also verschiebt sich das Machtgleichgewicht. Aufpassen!

Dann gibt es da noch eine Sache, die dir einen ordentlichen Strich durch die Rechnung machen kann: Fehlendes Kleingeld. Da hast du dir nach 15-minuetiger Diskussion endlich eine Fahrt zu deinem Wunschpreis erkaempft, nur um dann festzustellen, dass du ausser einem 100-Peso-Schein nichts dabei hast. FAIL. Erwarte lieber nicht, dass der Motoconcho-Fahrer Wechselgeld dabei hat. V.a. nicht nach einer hitzigen Diskussion, wenn er eh schon genervt von dir ist. 😀


4. Zustand des Motoconchos


Der Zustand der Motoconchos kann stark variieren. Die meisten sind schon etwas betagt, das muss aber keinen Einfluss auf die Qualitaet haben. Ein abgewetztes Sitzkissen z.B. sollte nicht zwangslaeufig die Assoziationskette „viel benutzt – alt – faellt bestimmt bald auseinander!!“ in euren Koepfen aufleuchten lassen,  sondern auch Gedanken zulassen wie „viel benutzt – weil beliebt – weil guter Fahrer (?)“


motoconcho biciAuf ein Moto, bei dem essentielle Teile fehlen, komische Dinge abstehen, austreten oder auf ein solches Moto, das total versifft aussieht, solltet ihr jedoch nicht aufsteigen


Wenn ihr dann also nach einem aufwendigen Casting-Verfahren endlich eine Entscheidung getroffen habt und euch auf dem Ruecksitz eines Motoconchos befindet, wird euch vermutlich trotzdem die ein oder andere Kleinigkeit auffallen. Beispielsweise kommt es haeufig vor, dass das Tachometer nicht funktioniert. Man weiss also nicht, wie schnell man unterwegs ist. Offen bleibt, ob das Tachometer wirklich nicht mehr funktioniert oder vom Motoconcho-Fahrer bewusst deaktiviert wurde… das sollte sich an seiner Fahrweise herausstellen. Generell ist das aber nichts, was euch abschrecken sollte. Ich habe selbst jetzt, nach 6 Monaten, Schwierigkeiten, mich ueberhaupt an ein einziges Motoconcho mit intakter Tachoanzeige zu erinnern.


5. Fahrweise


Dieser Punkt ist eigentlich selbsterklaerend. Bereits nach den ersten Sekunden werdet ihr entschieden haben, ob es sich um einen guten oder um einen schlechten Fahrer handelt.

Indizien fuer einen vertrauenswuerdigen Fahrer sind z.B.

  • Das langsame Annaehern an Kreuzungen kombiniert mit einem kurzen Abbremsen
  • Das Wahrnehmen von Wetterumschwuengen, sprich, bei Regen wird das Tempo gedrosselt
  • Es wird weder zu weit links noch zu weit rechts gefahren und nicht in Schlangenlinien
  • Es wird vor Hukeln und Schlagloechern gebremst
  • Kurven werden nicht geschnitten
  • Es wird sanft abgebremst und sanft Gas gegeben
  • Es wird nicht gefragt, ob du verheiratet bist oder einen Novio (festen Freund) hast. Allerdings ist das beinah Teil eines jeden dominikanischen Smalltalks. Naja, der Ton macht die Musik. Meistens hoert ihr raus, wie die Frage gemeint ist.

Sooooo. Wenn ihr dann am Zielort angekommen seid und die Fahrt heil ueberstanden habt UND euch vielleicht sogar noch nett unterhalten habt (auch das kommt vor! 🙂 ), dann fragt ihn unbedingt nach seiner Handynummer, damit ihr ihn in Notfaellen, wenn ihr wieder irgendwo festssitzt, kontaktieren koennt.

Es kann auch sein, dass der Motoconcho-Fahrer anbietet, dir seine Nummer zu geben – so war es z.B. bei mir. Nach 4 1/2 Monaten!! Er heisst Carlos, faehrt gescheit, hat immer suesse Bilder von ihm und seiner Familie als WhatsApp-Profilbild und ist obendrein noch super sympathisch!

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Ein Gedanke zu “Motoconcho

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